– ein kleiner Reisebericht –

Unsere erste Fahrradfernreise liegt nun hinter uns. Was haben wir vorher alles für Witze gemacht, nicht ahnend, dass wir so falsch gar nicht liegen würden. Aber dazu nachher mehr.

Motiviert von den Hoepner-Zwillingen und unseren Freunden von Boundless Biking hatten wir uns dieses Jahr endlich entschlossen, die Radtour von Berlin nach Usedom von der Bucketlist zu streichen. Da ich ein Freund von ungefähren Plänen und Vorbereitungen bin, habe ich also bereits im Frühjahr angefangen Listen zu schreiben. Was kommt mit? Was bleibt zu Hause? Wo sind unsere Etappenziele und sind dort Hunde erlaubt? Bereits einige Monate vor Abreise war ich damit so gut wie fertig und für mich hätte es sofort losgehen können, aber ich musste mich einmal mehr in Geduld üben.

ETAPPE 1
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Schließlich stand der Tag der Abreise vor der Tür und anders als von vielen versprochen kam er nicht früher als gedacht, nein es hat für mich trotzdem ewig gedauert und die Vorfreude war eigentlich schon wieder verflogen. Als beide Fahrräder fertig gepackt waren und wir die ersten 20m rollten, kam die Euphorie zurück. ES GING LOS. Und als sollte es ein letzter Test für unseren Schweinehund sein, fing es an zu regnen. Wir überlegten kurz, ob wir nicht doch die erste Etappe mit der S-Bahn fahren sollten. Wir standen vor den Toren des S-Bhfs Südkreuz. Von dort aus hätte uns die S-Bahn binnen 40min bis nach Buch gefahren. Trocken, ohne Regen, ohne den stressigen Stadtverkehr des ersten Schultags nach den Sommerferien. Die Verlockung war groß, aber wir rissen uns zusammen, um nicht schon nach 5km unsere Prinzipien über Bord zu werfen. Selbstverständlich wurden wir belohnt. Der Regen hörte bald auf, die Wegführung durch die Stadt wurde auf überwiegend gut ausgebaute Radwege gelenkt.

Wir fuhren vom südlichen Berlin erstmal hinein in die Stadt. Die Route des Fernwegs begann am Schloßplatz in Mitte. 12km lagen also schon hinter uns, während der eigentlich Weg noch gar nicht begonnen hatte. Top!

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Als wir dann nach gut zwei Stunden und 30km später am Bahnhof Buch vorbeifuhren, war der erste Motivationstiefpunkt erreicht. „Hier hätten wir vor zwei Stunden schon sein können…“, murmelte ich. Denn das Fahren mit knapp 40kg Gepäck war doch anstrengender, als ich es während den 200m Testfahrten gedacht hatte. Ich hatte schließlich das Gepäck für uns drei am Rad. Kurze Zeit später passierte das, womit ich eigentlich schon gerechnet hatte: Der wunderbare Thule Gepäckträger, den ich irgendwie schon die ganze Zeit auf dem Kieker hatte, rutsche ab und drückte auf mein vorderes Schutzblech. Das hatte zur Folge, dass das Schutzblech widerum gegen den Reifen rieb und sich in meinem Kopf verschiedene Szenarien durchspielten, wann, wo und mit welchen Konsequenzen mein Vorderreifen platzen würde. „Alarm für Cobra11“ hätte seine pure Freude an meiner Fantasie gehabt. Nun hieß es also alle 200m den Gepäckträger vom Reifen wegdrücken – natürlich während der Fahrt. Das drückte wieder auf die Stimmung.

Doch schon bald wurde die Landschaft idyllischer. Der Radweg führte weg von der Innenstadt, durch Parkanlagen, Wälder und Felder. So hatten wir uns das vorgestellt – abseits vom Trubel, auf glatten Radwegen.

Und eh jetzt jemand nachfragt – wir hätten uns die kleinen idyllischen Orte aufschreiben sollen… man lernt ja nie aus.

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Mit der Zeit zog sich die Strecke ziemlich. Geplant waren gut 60km. Mittlerweile waren wir bereits bei knapp 80, als die Dämmerung einbrach und wir an die Anmeldung des ersten Campingplatzes rollten. Eichhorst, ein Berolina Campingplatz. Im Netz klang es sehr vielversprechend, direkt am Werbellinsee gelegen. Als wir ankamen, war das Anmeldehaus schon nicht mehr besetzt und wir mussten den Zuständigen aus seinem Feierabend wecken. Der Campingplatz hatte bereits seine Saison beendet und nur ein paar Dauercamper grillten noch auf dem Gelände. Ein Vorteil war, dass wir den gesamten Zelt-Abschnitt für uns hatten und direkt in erster Reihe am Wasser stehen konnten. Der Nachteil allerdings war, dass kein Imbiss offen hatte. Eigentlich kein Problem, denn ich war ja mit meinem Kessel und den Nudeln bestens für das Abendessen ausgestattet. Ich hatte nur nicht mit der Waldbrandstufe 3 gerechnet, die jegliches Feuer verbot. So saßen wir also fix und alle im Zelt, guckten durch die Fliegengase aufs Wasser, in das sich der rosa Sonnenuntergang spiegelte und aßen unsere Reste der Tagesverpflegung auf. Ein Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellte.

ETAPPE 2
Die Nacht war kalt. Vor allem für all jene mit Schlafsäcken von 1970 – also nicht für mich. Friedrich, der mit seinem eigenen Schlafsack ausgestattet war, hatte gut geschlafen, aber auch ein wenig gefroren. Meine Mutter hatte nach eigenen Aussagen überhaupt nicht geschlafen. Meine Schnarchanalyse kann das nicht bestätigen.
Der Morgen begann wunderschön mit einem nebeligem Sonnenaufgang direkt vor unserer Nase. Nachdem ich meinen Foto-Streifzug durch den Morgentau beendet hatte, begann ich unser Gepäck zu schnüren und das Zelt einzupacken. Meine Mutter war, neben der Morgentoilette des Hundes, für das Auffüllen der Wasserflaschen zuständig. So teilten wir uns jeden Tag die Aufgaben.

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Mit jeweils zwei Knäckebroten im Magen ging es auf zur nächsten Etappe. Ich hatte noch versucht irgendwie meinen vorderen Gepäckträger wieder ein paar Zentimeter noch oben zu kriegen, doch das Ganze hielt nicht mal 1km an. Kaum waren wir aus dem Waldstück am Campingplatz heraus gepoltert, surrte auch schon wieder das Schutzblech am Reifen.
Ich war stinksauer. Von dem ganzen An- und Absteigen am Tag davor, um das Rad irgendwie diese miesen, schleichenden Anstiege hochzuschieben, hatte ich mir irgendwie die Leiste gezerrt. Jedenfalls zog es bereits nach wenigen Metern wieder ordentlich in der Hüfte. Als wäre es noch nicht genug, begann die Strecke wie sie am Tag davor geendet hatte – Berge, Berge, Hügel, Berge, Anstiege, Berge, Hügel… Wir hatten keine Lust mehr und wir machten uns schon während der Fahrt Gedanken darüber, wie es weitergehen sollte. Würden wir doch vorzeitig abbrechen? Ging es dann Richtung Berlin oder Richtung Usedom? Erleichtern wir uns die Strecke, indem wir ein Stück mit dem Zug fahren würden? Oder brauchten wir einfach nur einen Tag Pause? Was fest stand – wir brauchten etwas zu Essen. Wir hatten nur noch trockenes Knäckebrot und ein paar wenige Müsliriegel. Unsere Hoffnung war, dass wir bald an einem kleinen Imbiss, einem Tante-Emma-Laden oder sonst einer Ess-Möglichkeit vorbei kämen. Nachdem wir gut 40km durch die schönsten Landschaften fuhren, vorbei an Fischteichen, wunderschönen Wäldern und Gefallen an der zauberhaften Uckermark fanden, fiel mein Blick auf ein Schild: „Imbiss 1km“. Wir verließen unsere Strecke und fuhren in eine kleine Straße ein. An einem großen Einfamilienhaus fragte ich einen, nach Jäger aussehenden Mann, ob es diesen Imbiss wirklich gäbe und ob man vielleicht sonst irgendwo etwas essen könne. Er machte uns wenig Hoffnung, dass wir um diese Jahreszeit bei dem ausgeschilderten Imbiss jemanden antreffen würden und schickte uns stattdessen auf Nummer sicher wieder zurück auf die Strecke. Hinter Peetzig solle es eine Wirtschaft geben, die eher etwas im Angebot hätte. Also ging es 6km weiter Richtung Peetzig. Trotz Ausschilderung fanden wir den Abzweig nicht und die Laune wurde schlechter und schlechter. Als wir einen Einheimischen sahen, fragten wir noch einmal nach und wurden wieder 500m zurück geschickt. Unsere Hoffnung entflammte erneut. Zur Wirtschaft ging es auf einer großen Pflastersteinstraße bergab. Endlich sahen wir die Sonnenschirme und eine Tafel, ich trat nochmal zittrig in die Pedale. Vor dem Wirtshaus angekommen, traute ich meinen Augen kaum – geschlossen. Auf den letzten Metern waren mehrere Schilder des Wirtshauses und keines deutete darauf hin, dass es auch hier bereits Saisonende war. Eine Frechheit, wie ich fand. Ich war so hungrig und sauer, dass ich trotzig meinen Kocher mitten auf der Straße anzünden und mir endlich ein paar Nudeln kochen wollte. Aber ich wurde davon abgehalten. Stattdessen „klauten“ wir uns ein paar am Boden liegende Äpfel, natürlich nicht, ohne vorher den Besitzer des Apfelbaum und des Imbisses zu fragen und auf unsere Misere aufmerksam zu machen. Aber er antwortete nur trocken, dass wir uns gerne ein paar Äpfel mitnehmen dürften. Wahrscheinlich wusste er, dass 95% der Äpfel bereits von Ameisen zerfressen waren.

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Die letzten Kilometer bis zu unserem Campingplatz wurden seichter. Und ich hatte mir während des stillschweigenden Fahrens verschiedene Varianten für den nächsten Tag überlegt:
1. Wir brechen ab und es geht nach Berlin.
2. Wir brechen ab und es geht nach Usedom.
3. Wir fahren mit dem Zug mindestens eine Etappe weiter.
4. Wir machen einen Tag Pause und überlegen dann.
5. Wir fahren im absoluten Tiefpunkt auch morgen weiter, mit der Befürchtung, dass wir zwischendurch zusammenklappen.

Kaum hatte ich diese Varianten ausgesprochen kamen wir auf unserem Campingplatz in Warnitz, am Oberuckersee, an. Als meine Mutter aus der Anmeldung heraus kam, sagte sie: „Wir machen einen Tag Pause. Brötchen sind für morgen bestellt und 500m weiter gibt es einen Gasthof, da können wir was Essen gehen.“
Der Campingplatz war eine Wucht. Vor allem im Vergleich zu dem vorherigen, der eher einer Gartenkolonie glich. Wir stellten das Zelt auf, gingen in einem der bestausgebautesten Sanitärhäuser, die wir je gesehen hatten, duschen. Mit frischem Wind und der Aussicht auf einen freien Tag, fuhren wir ohne Gepäck entspannt zum Gasthof und aßen bis auf das letzte Fitzelchen Salat-Gedöns den ganzen Teller leer. Ein Festmahl.

Als wir zurück auf den Campingplatz kamen, ging bereits die Sonne unter. Es war ein dunkelroter Sonnenuntergang und wir überlegten kurz, ob wir den steilen Abstieg bis zum Wasser noch wagen oder doch lieber ins Bett fallen sollten. Wir entschieden uns für zweiteres.

Am nächsten Morgen ging die Sonne auf. Vor allem in unserer Motivationsecke. Endlich bekam meine Mutter ihren heißen Kaffee und ich meinen warmen Kakao. Natürlich war auch auf diesem Campingplatz die 3. Waldbrandstufe ausgewiesen und so konnte ich meinen Kocher wieder nicht nutzen. Mit frischen Brötchen, etwas Aufstrich und den warmen Getränken starteten wir in unseren freien Tag.

Meine erste Amtshandlung: Gepäckträger abbauen, durchchecken und wieder anbauen.
Beim Abbauen flog mir eine winzigkleine Madenschraube, die unglücklicherweise eine Feder zurück hielt, um die Ohren und verschwand im Waldboden. Wir suchten minutenlang danach, legten Friedrich darauf an (der ja Such- und Schnüffelerfahrung hatte), aber fanden sie einfach nicht. Ich hatte schon vorher angekündigt, dass ich den Gepäckträger am liebsten wegfeuern würde und mir am nächsten Fahrradladen einen neuen, richtigen Tourengepäckträger kaufe. Nach kurzer Absprache mit der netten Frau an der Rezeption fuhren wir also mit der Bahn nach Prenzlau. Hin- und zurück, jeweils 10min, für 14€. Was soll’s dachten wir uns und fuhren also nach Prenzlau. Dort sollten zwei Fahrradläden auf uns warten. Nachdem wir bemerkten, dass uns die falschen Zeiten angesagt wurden und auch eine Anwohnerin trocken meinte „jo, der is‘ fort“, machten wir eine zweistündige Zwangspause in einem kleinen Bahnhofscafé. In Prenzlau angekommen fanden wir den ersten Fahrradladen auf Anhieb. Ein niegelnagelneuer Laden, mit viel Werbung und teuren Rädern. Das einzige was er nicht hatte waren Gepäckträger. Weder für vorne noch für hinten, nicht einmal Sättel hätte man dort kaufen können. Stattdessen drückte er mir eine Schraube für 20cent in die Hand. Auch der zweite Laden hatte kein Fahrradzubehör, was ich ziemlich erstaunlich fand. Da wir erneut zwei Stunden auf die Rückfahrt warten mussten, gingen wir in die Innenstadt von Prenzlau. Der neue Plan war ein Paket vorauszuschicken. Da die Wetterlage dermaßen gut war, gab es keinen Grund zur Annahme, dass die Waldbrandstufe herabgesetzt werden würde. Ich konnte also guten Gewissens fast die komplette Küche wegschicken. Wir holten also ein Paket und im Supermarkt etwas zu Essen für den Abend. Tomaten-Gurken-Salat stand auf unserer Speisekarte. Wir nahmen gleich noch etwas Aufstrich mit und hatten für den nächsten Tag ein paar Brötchen mehr bestellt – sicher ist sicher.

Wir haben uns mit dem Abendbrot beeilt, um den Sonnenuntergang diesmal unten am Wasser zu verfolgen. Er enttäuschte uns nicht und wir konnten danach entspannt ins Bett fallen.

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ETAPPE 3
Die Nacht war wieder kälter und Friedrich hatte mit seinem Winterpulli schlafen müssen.
Während meine Mutter das Paket mit der Küche und anderen Utensilien zur Poststation brachte, begann ich damit unsere sieben Sachen zu packen. Das Überzelt hing in der Sonne, die Schlafsäcke lüfteten aus und Friedrich beobachtete alles von seinem Thron aus. Mit 5,5kg weniger Gewicht, aber dennoch vollbeladen ging es auf die 3. Etappe bis nach Torgelow. Am Tag davor waren vier weitere Radreisende auf dem Campingplatz, die von Usedom her kamen. Ich versuchte herauszufinden, ob die vor uns liegende Strecke sehr hügelig sei und wir vielleicht doch eine halbe Etappe mit der Bahn voraus fahren sollten. Doch die Frauen sagten uns, dass kaum mehr Berge zu erwarten wären. Während ich noch überlegte, wie sehr man auf deren Aussage vertrauen könne, da drei von ihnen mit Elektrorädern unterwegs waren, stand die Entscheidung bei meiner Mutter schon fest: „Wir ziehen das jetzt durch!“

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Die Hügel wurden tatsächlich weniger, die Landschaft aber auch immer bescheidener.
Überall nur Felder und wir ärgerten uns, dass wir die Strecke durch die schöne Uckermark nicht bewusster genießen konnten. An diesem Tag war mal wieder kein Wölkchen am Himmel und die Sonne brutzelte so stark, dass wir uns ernsthaft um Friedrichs Sonnenstich-Gefahr Sorgen machten. Kurzerhand wurde mein Halstuch als Hundesonnenkopfschutz umfunktioniert. Allerdings blieb der, auf Grund der mittlerweile überdurchschnittlich hohen Geschwindigkeiten, nicht lange an seiner Position.

Die Landschaft änderte sich kaum. Felder reihten sich an Felder und irgendwie wollte der Weg nicht enden. Zum Glück blieben wir tatsächlich von höheren Bergvorkommen verschont. Die paar Hügel, die da kamen, haben wir dank unserer neu gewonnen Motivation schnell überwunden. Dann kam der erste Gänsehaut-Moment. Bei einer langen Abfahrt, bei der wir Spitzengeschwindigkeiten von fast 40km/h erreichten, blitzte es in gelb gesprayter Schrift vor uns auf: „Halbzeit! :)“
Erst jetzt, nach fast 200km habe ich verstanden, dass die ganzen gelben Markierungen uns galten – den Radtouristen. Ich freute mich und ich wusste, dass meine Mutter hinter mir Pippi in den Augen gehabt haben musste. Damit war jeder Zweifel aus dem Weg geräumt: wir halten durch!

An dem Tag folgten noch wahnsinnig zähe Kilometer durch das Militärgebiet, bei denen es nichts zu sehen gab außer Wald, Wald und Wald mit Warnschild. Der Streckensprayer hatte ebenfalls seine wahre Freude an der Strecke und munterte die Fahrt mit Sprüchen auf: „Wahnsinnig abwechslungsreich hier!“, „was für eine schöne Gegend“.

Wir erreichten unser Etappenziel, den Wasserwanderrastplatz in Torgelow. Nach anfänglicher Skepsis über den Platz, fanden wir einen guten Standort zusammen mit zwei anderen Radfahrerinnen, die wir auf der Strecke bereits getroffen hatten. Meine Mutter schickte ich los, Essen holen und ich baute derweil wieder unser Schlafgemach auf. Darin war ich inzwischen geübt und irgendwie würde sie mir nur dazwischen funken. Wir gönnten uns eine dicke Portion Pommes-Schranke und fielen mal wieder frühzeitig ins Bett.

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ETAPPE 4
Da der zuständige Platzwart angekündigt hatte um 8Uhr vorbeizuschauen, um den Sanitär-Transponder abzuholen, versuchten wir diesmal schon früh auf den Beinen zu sein. Statt unserer üblichen Abfahrtszeit von 10:30Uhr sind wir diesmal bereits um 9Uhr zur Abfahrt bereit. Da Torgelow ein etwas größeres Städtchen zu sein schien, wollten wir bei der nächsten schönen Gelegenheit eine Frühstückspause einlegen.

Von Torgelow ging es durch einige kleine Städtchen, durch Eggesin bis nach Ueckermünde. Wir fuhren die Straße nach Ueckermünde ein, über eine kleine Hebebrücke und steuerten direkt auf ein Café zu. Meine Mutter brüllte schon „Halt!“, da stotterte mein Hinterrad bereits. Der kleine Frühstücksimbiss sollte ein ausgewachsenes Meister Frühstück werden.
Während wir da so saßen, zwischen Kuttern, Möwengeschrei, einem Hauch von Salzwasser und bereits am zweiten Kaffee und Kakao schlürften, wiederholte ich mantraartig meinen Vorschlag: „Man könnte von hier aus übrigens auch die Fähre nehmen.“ Bis nach Anklam, was unsere eigentliche Route war, wären es von hier aus noch mindestens 40km gewesen. Mittlerweile konnte ich auch endlich einigermaßen den Radreiseführer deuten und erkannte, dass wir den landschaftlich schönsten Teil der Reise eindeutig hinter uns gelassen hatten. Wozu also bis nach Anklam quälen, wenn „man von hier aus übrigens auch die Fähre nehmen kann!“

Gesagt getan. Wir suchten den Fähranleger, studierten die Abfahrtzeiten und schlugen noch 3 Stunden lang die Zeit tot. Ich verschickte bereits ein paar Postkarten per App und meine Mutti informierte die wichtigsten Zuschauer zu Hause über unsere neuste Etappen-Entwicklung. Als wir überpünktlich am Fähranleger ankamen, musste ich das gesamte Gepäck von den Rädern nehmen. Das nahm einige Zeit in Anspruch und uns wurde schon Bange, wie wir alleine das ganze Gepäck auf die Fähre kriegen sollten. Zum ersten Mal auf unserer Reise trafen wir Radtouristen, die aufgeschlossen und gesprächig waren. Ein Ehepaar aus München, dass bereits seit zwei Wochen von Pension zu Pension unterwegs war, half uns alles auf und später auch wieder von Bord zu kriegen. Hätten wir die beiden auf einem Campingplatz oder irgendwo früher auf der Reise getroffen, es wäre bestimmt ein langer, langer Abend geworden.

Nach gut 90min auf offener See kamen wir in Kamminke auf Usedom an. Der Campingplatz sollte nur wenige hundertmeter weiter liegen. Was uns keiner sagte, wir mussten dazu die Bergstraße hinauf fahren. Das war so gut wie unmöglich. Wie ich später in Richtung Peenemünde noch erfahren durfte, wie sich 16% Gefälle anfühlen, weiß ich, dass diese Straße mindestens 30% Anstieg gehabt haben musste. *Nagut, das schlaue Internet sagt, es seien nur 12% Gefälle, aber ich glaube, dass Anstieg und Gefälle unterschiedliche Prozente haben können ;)*
Diesen vorerst letzten Berg haben wir aber ebenfalls gemeistert und so kamen wir auf dem Campingplatz an. Nach kurzer Einweisung schoben wir unsere Räder zu unserem zugewiesenem Platz. Ganz oben auf einer Steilküste, mit Blick über das Stettiner Haff. Während wir keine Minute da oben standen und überlegten, wo wir das Zelt aufbauten, hatte meine Mutter schon mit mehr als 20 Mücken an ihren Beinen zu kämpfen.

Um die Geschichte abzukürzen: Es gab eine Mückenplage und wir durften etwas weiter unten auf einem angemieteten Stellplatz schlafen. Da waren zwar nicht weniger Mücken, aber zumindest waren wir auch deutlich näher am Sanitärhaus. Da meine Mutter fast schon paranoid auf Mücken reagiert, durfte sie bereits duschen gehen, während ich das Zelt aufbaute. Hier sei erwähnt, dass ich es geschafft habe, ohne auch nur eine einzige Mücke im Zelt zu haben! Whoop!

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ETAPPE 5

Nächster Morgen und so schnell wie möglich weg von der Mückenseuche. Wäre da nicht das Feld direkt vor der Tür und der morgendliche Nebel. Also raus aus den Federn, Kamera geschnappt und mit dem Hund um 6:30Uhr einmal durchs Dorf. Wer Nebenbilder will, der muss da halt durch.
Dennoch wollten wir uns nicht all zu lange Zeit lassen. Ruckzuck war alles gepackt, verstaut und verzurrt. Wir rollten zur Anmeldung, holten unsere Brötchen und aßen unser letztes Frühstück als Radreisende. Unsere heutige Etappe war kurz. 17km standen auf dem Tagesplan. Das Problem war nur, dass unser heutiges Ziel das Ferienhaus war und das konnte erst ab 14Uhr genutzt werden. Wir fuhren trotzdem los und es sollte natürlich nicht anders sein – wir waren um 11Uhr schon 2km vor unserem Ziel. Es gab keine größeren Berge oder Anstiege und ich war eigentlich ganz froh darüber. Meine Mutter kam dann auf die Idee, man könne sich ja die Zeit noch in Bansin um die Ohren hauen, schließlich sei das nur 5km entfernt. Ich warf also meine Führungsposition über Bord und gab ihr das Kommando. Wer sich jetzt schon einmal einen Stadtplan von Usedom angeschaut hat, sollte mal ganz genau auf die Bezeichnungen schauen. Ich weiß nicht, wie viele Berge ich gezählt habe, aber es gibt massig. Es wäre ja keine perfekte Etappe, wenn wir nicht mindestens 20 davon mitgenommen hätten. Meine Mutti fuhr schweigend und demütig hinter mir her, während ich ihr einen bösen Blick nach dem anderen zu warf. Insgesamt sind wir auf der Insel an dem Tag noch knapp 30km gefahren, als wir endlich am Ferienhaus ankamen. Wir wurden lauthals begrüßt, denn mein Vater und Freunde sind mit dem Auto angereist, um eine Woche Urlaub zu machen – der eigentliche Grund, warum wir überhaupt mit dem Rad nach Usedom gefahren sind.

Wir wurden mit Urkunden und Kuchen empfangen und waren stolz, dass wir trotz aller Zweifel und Widrigkeiten durchgehalten haben.

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ETAPPE 6

Nach einer Woche Urlaub wollten wir unsere Reise komplett beenden. Ich wollte unbedingt noch am Fernweg-Ende anschlagen. Da wir dafür ja kein Gepäck brauchten, haben wir am vorletzten Tag unseres Urlaubs zwei Wasserflaschen gefüllt, Friedrich eingeladen und uns auf den Weg nach Peenemünde gemacht. Die Strecke fuhr sich gut, allerdings ging es wieder bergauf-bergab durch den Wald. Doch ohne Gepäck war es einigermaßen erträglich. Die 16% Steigungen lagen zu unseren Gunsten als Gefälle vor, doch waren sie so steil, dass man trotzdem besser geschoben hat.

Lange Reise, kurzes Ende – in Peenemünde haben wir nichts vorgefunden, dass uns das Ende der Strecke signalisierte. Das fanden wir ziemlich schade und ein erneuter emotionaler Moment blieb aus. Der emotionalste Moment der Reise, war damit die Halbzeit-Ansage mitten auf der Strecke (DANKE dafür lieber Streckenmeister).
Aber so konnten wir die Reise wenigstens komplett zum Abschluss bringen.

Fazit:
Während der Fahrt haben wir doch an uns gezweifelt und gesagt, dass machen wir nie wieder. Und mir war schon klar, dass nach der Reise der Blick zurück verklärt wird und genauso ist es. Es war eine anstrengende, aber auch schöne Erfahrung und mit dem jetzigen Wissen, würden wir erneut irgendwann, irgendwo auf einen Radfernweg gehen.

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5 Kommentare zu „– ein kleiner Reisebericht –

  1. Super super, ihr Beide habt meinen vollen Respekt. Vorallem, dass Ihr und Friedrich ( als Jungfernfahrt) das so durchgezogen habt. Und wenn es zu glatt gelaufen wäre, hättet Ihr in ein paar Jahren, ach was Jahrzehnten, nichts mehr zu erzählen gehabt. So bleibt die Reise in toller Erinnerung. Ganz viele liebe Grüße Petra

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